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CountryHome im Gespräch mit Sarah Nücken und Steffen Brückner (Mrs. Greenbird)

By Andreas Hilgart — März 28, 2013

In Burglengenfeld hatte ich die Gelegenheit, Sarah Nücken und Steffen Brückner alias Mrs. Greenbird persönlich zu treffen. Steffen hatte an dem Tag Geburtstag, wozu ich ihm natürlich erst einmal gratulierte.

Mrs. Greenbird hatten im Herbst letzten Jahres die Casting-Show „X-Factor“ bei Vox gewonnen und ihr Debütalbum setzte sich zu Beginn des Jahres gleich nach der Veröffentlichung auf Platz 1 der deutschen Album- Charts von Media Control. Auch die Tour, auf der sich die beiden im Moment befinden, läuft recht gut mit sehr gut besuchten und auch einigen ausverkauften Konzerten. Am 29. März erscheint bei iTunes nun die Videosammlung „Green Carpet Session“.

C. H.: Habt Ihr selbst eine Erklärung für Euren Erfolg? Nummer 1-Album, fast ausverkaufte Tour.

Steffen Brückner: Nee, haben wir nicht. Dafür haben wir keine Erklärung. So ausverkauft ist die Tour auch noch nicht. Es gibt noch Karten.

Sarah Nücken: Heute zum Beispiel.

Steffen: Die knappe erste Hälfte ist gut vorverkauft und es sind auch einige Termine ausverkauft, weil wir damals halt noch, als der Vorverkauf gestartet ist, sehr viel TV-Präsenz hatten. Für den Rest der Tour läuft der Vorverkauf normal. Aber nicht, dass wir sagen können, wir hätten vor Tourstart schon alles ausverkauft. Das wäre illusorisch, denke ich. Aber es läuft sehr gut bisher. Wir haben einen tollen Tourstart hinter uns und haben jetzt schon bereits elf oder zwölf Termine gespielt und immer vor vollem Haus – zumindest sah es voll aus von der Bühne aus. Wir haben sehr unterschiedliches Publikum schon kennengelernt und sehr viel Spaß gehabt mit unsern Leuten. Ist echt toll, macht Laune, endlich wieder ein normales Musikerleben zu führen, quasi.

C. H.: Sarah, du hast als Sozialpädagogin gearbeitet. Ihr lebt jetzt von Eurer Musik?

Sarah: Wir wollen hoffen, dass wir davon leben können. Weil wir beide jetzt nicht mehr arbeiten oder nicht mehr arbeiten können, weil dafür keine Zeit mehr ist.

Steffen: Wir machen das zwangsläufig aus Zeitgründen. Wir haben natürlich lange überlegt, wie sich das lösen lässt. Und ob wir das machen wollen, weil wir auch nicht wussten, wie das laufen wird. Als dann am Anfang des Jahres das Album so gut gestartet ist, kam dann auch die Terminflut hinterher, dass recht zügig der Blick in den Kalender offenbarte: Für einen anderen Job ist überhaupt keine Luft mehr.

C. H.: Ihr habt bei „X-Factor“ teilgenommen. Was unterscheidet jetzt in Euren Augen „X-Factor“ von anderen Casting-Shows?

Sarah: Können wir jetzt nicht sagen, weil wir an anderen Castingshows nicht teilgenommen haben.

Steffen: Man kann halt das Offensichtliche miteinander vergleichen. Ich denke, es ist schon offensichtlich, wenn man die verschiedenen Formate als Konsument nebeneinander hält, dass es Formate gibt, wo es eher darum geht, Leute mit dem Wunsch nach Ruhm und Ehre zur Schau zu stellen und es gibt Formate, wo es darum geht, tatsächlich musikalische Leistung fair zu bewerten. Und ich glaube, wir sind in einer Show gelandet, wo halt musikalische Leistung fair bewertet und auch geschätzt wird. Das war auch der einzige Grund, warum wir uns darauf eingelassen haben auf so Experimente.

C. H.: Ich habe auch gelesen, man hat euch auch Euren musikalischen Stil, den ihr spielen wollt, gelassen.

Steffen: Wir haben alles genauso gemacht wie immer.

Sarah: Ja. Sie haben hier und da versucht, uns ein bisschen reinzureden oder uns ein Playback aufzuschwatzen. Wie auch immer. Wir haben aber gesagt, mit Playback haben wir noch nie gespielt, möchten wir nach Möglichkeit auch nicht – und hier in der Show schon mal gar nicht. Wir haben gesagt: Wenn wir schon mal an so was teilnehmen, dann so authentisch wie möglich, weil sonst macht das für uns keinen Sinn. Wir hatten auch nie damit gerechnet, zu gewinnen. Wir haben immer damit gerechnet, relativ früh rauszufliegen. Und wir wollten immer so rausfliegen, wie wir reingegangen sind und nicht verändert, weil sonst hätte das an unserem Stolz oder Image – wie auch immer – genagt. Unsere Fans hätten das uns auch krumm genommen, wenn wir uns irgendwie verändern lassen hätten.

Steffen: Wir hatten uns ja damals schon eine kleine Fanbase erarbeitet und unsere Fans waren schon immer sehr treu. Wir haben für uns vorher schon so ein paar Eckpunkte abgesteckt. Sowohl persönlich, dass wir gesagt haben, wo wir unsere Grenzen zwischen Engagement und Privatleben trennen wollen, aber halt auch künstlerisch. Wir haben von vornherein gesagt, dass unsere künstlerische Integrität gewahrt bleibt, wir legen Wert drauf, dass wir unter unserem eigenen Namen auftreten, dass wir uns für so eine Show nicht neu erfinden müssen. Was im Umkehr-Schluss auch dazu geführt hat, dass wir immer darauf aufgepasst haben, dass uns keiner ins Konzept quatscht. Wir haben ja im Grunde immer das in der Art machen wollen, wie wir das vorher auch gemacht haben. Und wenn jemand mit einer anderen Idee kam, war für uns auch der Punkt gekommen: Nee, wir experimentieren gern und wir sind auch kompromissbereit, aber ab einem bestimmten Punkt können wir und wollen das auch nicht machen, weil es eben nicht zu uns passt. Und ich denke, dass das angekommen ist. Wir mussten uns auch intern unseren Respekt erarbeiten und das haben wir offensichtlich auch geschafft. Das merken wir jetzt auch in der Zusammenarbeit mit der Plattenfirma, weil das im Moment auch sehr gut läuft und wir da auf Augenhöhe miteinander reden und sehr konsensorientiert sind. Das hat für uns dankenswerterweise sehr gut funktioniert.

C. H.: Also könnte es auch an einer gewissen Ehrlichkeit mit liegen, dass dann der Erfolg eingesetzt hat.

Steffen: Ja, kann sein.

C. H.: Wo würdet Ihr euch musikalisch einordnen? Wo sind eure musikalischen Einflüsse?

Sarah: Es ist immer ein bisschen schwierig das zu sagen, weil wir eigentlich sehr breit aufgestellt sind und aus zwei verschiedenen Richtungen kommen. Und dieser Countryeinfluss, den wir haben, da hab´ ich selber keine Antwort drauf. Weil ich halt selber Country noch nie gehört hab´ und mich auch gar nicht auskenne – und ich glaub´ Steffen auch nicht. Es ist ein Riesentraum von uns, mal nach Nashville zu fahren und da mal ein paar Einflüsse aufzuschnappen und das dann weiterzuentwickeln. Das ist beim Songwriting einfach so entstanden, weil wir viel zu zweit gemacht haben, dann nur mit Gitarre. Und dann haben wir einfach geguckt, wie können wir die Songs möglichst spannend gestalten mit nur einer Gitarre mit verschiedenen Pickingmustern. Aber Steffen kommt eigentlich so aus der Bluesecke und ich habe zum Beispiel elf Jahre im Gospelchor gesungen und mag jetzt Gospel gar nicht mehr.

Steffen: Ich hab mich in den letzten Jahren in gitarristischer Sicht bisschen mit Country beschäftigt, so mit den Spielarten irgendwie. Eigentlich eher so im Bereich elektrischer Gitarre oder auch Steel Guitar. Ich find´ die Klänge sehr spannend, einfach so als Kontrast. Das ist ja in den letzten Jahren so in Mode gekommen, gerade so mit der letzten Johnny Cash-Welle. Ich find auch die späten Sachen, die Johnny Cash gemacht hat, wahnsinnig interessant, total spannend. Er ist eh ein sehr spannender Künstler, bei dem es viel zu entdecken gibt. Im Tourbus haben wir zwischendurch mal Hank Williams gehört und irgendwie so eine instrumentale Bluegrass-Platte, die wir geschenkt bekommen haben. Ansonsten…von den Einflüssen, …kann ich quasi auch belegen, weil ich gerade auch beim Einkaufen war. Steffen packt aus seiner Tasche drei CDs aus, die er auf den Tisch legt. Da: ZZ Top und Neil Young.

Sarah: Was ist die Dritte?

Steffen: David Bowie. Bowie ist zum Beispiel so ein Thema, den ich ein bisschen vernachlässigt habe seit jeher, aber zwei CDs zum Preis von einer, da machste nix verkehrt – „Best of“ ist immer gut zum Einsteigen.

C. H.: Ihr schreibt ja die Songs überwiegend auch selber. Könnt ihr ein bisschen was über den Prozess des Songschreibens erzählen?

Sarah: Wir haben das bisher so ein bisschen getrennt voneinander gemacht. Ich hör immer ganz viel auf Texte, hab´ immer versucht, mit einfachen Worten möglichst viel zu sagen; und möglichst so, dass man drei oder vier verschiedene Sachen reininterpretieren kann. Die meisten Leute interpretieren ja irgendwie, dass sich alles nur um Liebe dreht. Aber so einfach ist es nicht und das war auch nicht immer meine Intention, sondern verschiedene Sachen. Und es ist halt so: Je nachdem , wer´s hört, hört man halt was Anderes. So bin ich immer dran gegangen und so analysiere ich auch Songs, weil ich halt echt auf den Text höre. Und dann ist meist bei mir der Text zuerst da, ganz selten schon ´ne Melodie-Idee im Kopf. Und dann schnapp ich die Gitarre und experimentier so rum, bis es so steht, wie ich mir das so vorstelle. Dann zeig ich das dem Steffen und frag immer: ´Schön oder nicht schön?´ Und manchmal sagt er: ´Nee, dat ist mir jetzt zu mädchenmäßig. Behalt das mal für dich.´ Meistens sagt er aber: `Das ist toll.´ Dann entwickeln wir weiter rum und packen das dann so in ein musikalisches Gerüst. Und der Steffen spielt das dann schön mit den verschiedenen Pickingsachen oder verschiedenen Gitarren. Ich kann halt nur so „rumschrammeln.“ Dann überlegen wir uns immer, in welche Richtung soll das gehen – eher ruhiger oder schneller, mehr in die Countryrichtung. „Shooting Stars & Fairy Tails“ haben wir zusammen geschrieben auf dem Weg nach Hamburg und im Zug. Den Text hatte ich zuhause auf dem Sofa geschrieben, irgendwie am selben Tag – das ging so ganz ganz schnell, in einer halben Stunde so runtergerasselt und dann hat Steffen die Gitarre ausgepackt und dann war´s das erste Mal so, dass wir das so quasi zusammen geschrieben haben. Steffen hat dann so ein paar Akkorde gespielt und ich hab direkt drauf gesungen und es hat sofort gepasst. Das war ganz cool.

C. H.: Ihr bringt jetzt am 29. März ein Download-Album raus: „Green Carpet Session“.

Steffen: Das ist ein Special-Feature, das wir für iTunes gemacht haben. Das ist eine Live-Session, die wir im Studio gemacht haben. Das ist aber kein Album, sondern das ist eine kleine Sammlung von Videos. Wir haben sechs Songs live vor der Kamera ohne Publikum im Studio performt. Das nennt sich dann „Green Carpet Session“, weil wir grüne Teppiche unter uns liegen hatten. Den Trailer dazu gibt´s schon.

C. H.: Grün ist ja eine wichtige Farbe für euch. Was bedeutet die Farbe Grün für euch?

Sarah: Ich finde, Grün ist frisch, freundlich, fröhlich, lebensfroh. Grün bedeutet ja Hoffnung. Und ich finde immer, ein Leben ohne Hoffnung  ist ja doof eigentlich. Egal was passiert, man braucht immer so ein bisschen Hoffnung.

C. H.: Wie habt Ihr Euch eigentlich kennengelernt?

Steffen: Die Sarah hat mich in einem Club angequatscht. Sarah hat mich irgendwann mal Gitarre spielen sehen und stand dann nachts um Drei neben mir und sagte: „Hör mal, du bist doch der Typ mit der Gitarre.“ So haben wir uns kennengelernt.

C. H.: Ihr ward in einer Kirchengemeinde aktiv?

Steffen: Das hat aber nichts mit unserem Kennenlernen zu tun gehabt. Das ist ´ne Wikipedia-Lüge. Bei Wikipedia, wenn du nachguckst, habe ich auch erst übermorgen Geburtstag. Wir versuchen auch schon seit Monaten diesen Eintrag zu korrigieren, weil da Fakten drin stehen, die nicht ganz korrekt sind. Quellen falsch interpretiert. Wikipedia ist ja der pure Anarchismus. Da was korrigieren zu können, ist ja quasi unmöglich. Da musst du ja betteln, knien und flehen, bis dich jemand erhört.

C. H.: Aber die Geschichte mit Eurem Bandnamen, die passt.

Sarah: Ja, die passt.

C. H.: Ich bin zwar auch oft in Köln, aber krieg das gar nicht mit, dass da Papageien frei herumfliegen.

Steffen: Oh doch! Da musst du mal googeln: Alexandersittich, Köln. Die sind eher so im Süden von Köln, auf der rechten Rheinseite. Ich hab´ die auch zum ersten Mal gesehen aus dem Fenster von Sarahs erster Wohnung in Deutz. Da saßen die immer in Massen in den Bäumen und flogen immer vorbei.

Sarah: Ich hab´ im fünften Stock gewohnt. Vielleicht fliegen die besonders hoch.

C. H.: Und dann habt ihr den gefunden?

Steffen: Genau. Der – also einer davon – lag tot vor unserer Haustüre.

C. H.: Ihr tretet heute Abend mit Band auf?

Steffen: Oh ja.

C. H.: Wer ist da alles dabei?

Steffen: Wir sind mit zwanzig Leuten gestartet, haben die meisten verloren auf der Strecke. Sind jetzt noch zu viert. Also zwei Musiker haben wir noch mit dabei, den Jens und den Christoph. Der Jens spielt Schlagzeug und Percussions und der Christoph spielt Kontrabass, E-Bass und Mandoline.

Sarah:…und auch Percussions.

Steffen: Teilweise auch gleichzeitig.

C. H.: Was würdet ihr Leuten raten, die sich bei einer Casting-Show bewerben wollen?

Sarah: Ich sag mal, überlegt euch das gut. Also reflektiert gut, was ihr da möchtet, aus welchem Grund ihr dahin geht. Weil ganz viele gehen ja dahin und sagen: „Ich möchte berühmt werden.“ Und die gehen nicht dahin, weil sie sagen: „Ich möchte Musik machen oder ich hoffe, Musik machen zu können und davon leben zu können.“ Ich finde, man sollte auf jeden Fall alt genug sein, reflektiert sein. Man muss relativ gefestigt sein in sich, weil es gucken ganz einfach ganz ganz viele Leute zu. Und gerade durch das Medium Internet ist man ja auch sehr vielen Anfeindungen ausgesetzt. Das war bei uns auch so. Also, die sind wie wild über uns hergefallen irgendwie und haben alle möglichen Worte benutzt…das ist einfach so. Jeder hat dann plötzlich einfach eine Meinung zu dir und das muss man irgendwie aushalten, dass es da positive und auch negative gibt. Und auch von der Jury. Wir hatten jetzt Glück, die waren ja mehr als nett zu uns. Aber es hätte auch anders sein können und das hat meist auch einen Einfluss auf die Leute da draußen. Sobald dann irgendwer was von den „Stars“ sagt, denkt man, was die „Stars“ sagen, muss ja auch stimmen. Egal, ob das jetzt musikalisch fundiert ist oder nicht. Und dann wird das halt geglaubt und löst irgendwie was aus. Das muss man halt auf jeden Fall aushalten können. Und man muss wissen, will man das wirklich, wenn man gewinnt. Und man muss sich ungefähr vorstellen können, was passiert da und verkraftet man das oder hält man das aus.

Steffen: Es hilft schon, zu wissen, was man will. Und auch ein bisschen Erfahrung schon zu haben. Casting-Show hin oder her, aber überhaupt: die Medienlandschaft ist halt ein schwieriges Geschäft und sehr schelllebig. Jeder weiß immer am besten, was das Beste ist. Man muss schon ein bisschen zu sich selbst gefunden haben und wissen, wo man selbst steht und was man will. Und was man nicht will. Und auch ein bisschen „die Eier haben“, dass dann auch durchzusetzen. Man muss halt ´Nein´sagen können – das ist ganz wichtig in dem Geschäft. Und in der Lage sein, Konsequenzen zu ziehen und auch zu sagen, wenn Grenzen überschritten werden: Bis hierher funktioniert das für mich und dann nicht mehr weiter. Ich finde das ganz wichtig, dass man nicht um jeden Preis mitmacht, um dann irgendwie ´ne Chance haben, zu gewinnen. Da vergeht man so ein bisschen Verrat an sich selbst, wenn man dat macht.

C. H.: Dann bedanke ich mich ganz herzlich für das Gespräch.

Sarah: Ja gerne.

Steffen: Sehr gerne.

Andreas Hilgart

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