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Gary Allan: Set You Free (VÖ: 29. Januar 2013; MCA Nashville/Universal/erhältlich auch als Download bei iTunes und amazon)

By Andreas Hilgart — Februar 12, 2013

Wenn man Gary Allans aktuelles Album „Set You Free“ zum ersten Mal hört, fragt man sich zunächst: Was soll im Moment dieser ganze Hype? Weshalb stürmten sowohl das Album und die Vorabsingle „Every Storm (Runs Out Of Rain“) die Charts und halten sich da seit Wochen an der Spitze? Wie kommt es zu diesen überwiegend positiven Besprechungen? Beim ersten Hören des Albums ist das alles irgendwie nicht zu verstehen und so fehlte mir auch zu Beginn der Zugang zu den überwiegend traurigen, fast schon depressiv anmaßenden Songs. Gut, hin und wieder hatten viele von Allans Songs schon immer etwas Düsteres an sich. Aber ist das überhaupt noch Countrymusik, was sich da auf dem Silberling befindet?

Eingespielt hat Gary Allan das Album mit drei Produzenten: seinem langjährigen Weggefährten Mark Wright (Gretchen Wilson, Lee Ann Womack), Jay Joyce (Eric Church, Cage The Elephant, The Wallflowers) und Greg Droman (Brooks & Dunn). Gary Allan spielt auf diversen Songs die Lead-Gitarre und tat sich außerdem mit neuen Co-Autoren zusammen, wie zum Beispiel den drei Singer/Songwriterinnen Sarah Buxton, Rachel Proctor und Hillary Lindsey (Carrie Underwood, Lady Antebellum).

Set You Free - CMS SourceDer 45jährige kalifornische Country-Singer-Songwriter erzählt auf „Set You Free“ von einem Mann, der sich nach einer gescheiterten Beziehung der Einsamkeit stellt und schließlich durch eine neue Beziehung am Ende gestärkt daraus hervorgeht – eine Geschichte aus Garys eigenem Leben, wenn man sich seine Biographie einmal genauer ansieht. Man könnte bei „Set You Free“ fast schon ein Konzeptalbum mit einer zusammenhängenden Geschichte vermuten, obwohl die zwölf Songs für sich alleine stehen – beginnend mit der spannungsgeladenen Countryrocknummer „Tough Goodbye“. Der Sänger, der zu den Neo-Traditionalisten gezählt wird, ist eigentlich ja ein Rock´n´Roller. Das zeigt er auch bei der Single „Every Storm (Runs Out Of Rain)“, co-geschrieben und mit Background-Gesang von Hillary Lindsey. Der Song zeigt düstere Rock-Elemente – so düster wie auch das Innere des Booklets. Musikalisch erinnert das Ganze etwas an die Rockgruppen der 80er und 90er Jahre. Countryrock mit Blueselementen dann bei „Bones“. Es sind die gebrochenen Menschen, über die Gary Allan singt und deren Geschichten er auf dem Album erzählt – sicherlich auch stellenweise seine eigene Biographie in den Songs mit verarbeitet. Dazu passt dann auch Allans Stimme, die nach einer Stimmband-Operation mittlerweile etwas gebrochener wirkt.

Sicherlich, Gary Allan war im Tenor schon immer etwas düsterer als seine Neo-Tradionalisten-Kollegen, aber „It Ain´t The Whiskey“ ist so eine tieftraurige Countryballade, dass beim Hören des Albums einem Gary Allans Schmerz durch Mark und Bein geht. Verstärkt wird dieser Schmerz noch durch das an Psychedelic-Rock erinnernde Kirchenorgel-Intro.

Selbstverletzung, ja fast schon ein Erstarren in Selbstmitleid wie im anschließenden „Sand In My Soul“ macht es dem Hörer keinesfalls leicht, sich sofort mit dem Album anzufreunden. Bei „You Without Me“ erneut dieser Schmerz. Der Song, den Gary Allan zusammen mit Rachel Proctor geschrieben hat, ist der ultimative Song für gebrochene Herzen – so wunderschön traurig. Und in dieser Stimmung geht es weiter: „One More Time“ – eine Rückschau auf ein Leben, das Narben hinterlassen hat. Dann erneut wieder diese Traurigkeit des Verlassenwerdens bei „Hungover Heart“, bevor es mit „No Worries“ im Raggae-Groove etwas unbeschwerter wird. Hier hat sich Gary Allan sicherlich an Kenny Chesney oder Jimmy Buffett orientiert. Etwas experimentell arbeitet Gary Allan bei der jazzangehauchten Bluesnummer „Drop“.

Absolut hitverdächtig ist der nachfolgende Song „Pieces“, den Gary Allan u. a. mit Sarah Buxton geschrieben hat. Die Rückschau auf vergangene Leiden klingt hier aber weitaus hoffnungsvoller. Der Song ist schließlich dann die Überleitung zum letzten Titel des Albums „Good As New“. Hier erfolgt die Rettung aus all den Leiden durch eine neue Liebe und es wendet sich alles zum Guten.

Gary Allans Album braucht Zeit und man muss es sicherlich mehrmals hören, um den Zugang zu finden. Aber ist das nicht bei allen guten Alben so? Und somit steht Gary Allans neuntes Studio-Album im Moment vielleicht auch zu Recht an der Spitzenposition der Billboard-Charts und wird auch zu Recht von vielen Kritikern positiv bewertet. Das Album braucht aber viel Zeit und man muss sich auf die Geschichte, die sich hinter diesem Album verbirgt, erst einmal einlassen.

Trackliste: 1. Tough Goodbye, 2. Every Storm (Runs Out Of Rain), 3. Bones, 4. It Ain´t The Whiskey, 5. Sand In My Soul, 6. You Without Me, 7. One More Time, 8. Hungover Heart, 9. No Worries, 10. Drop, 11. Pieces, 12. Good As New

Andreas Hilgart

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