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Aaron Neville: My True Story (VÖ: 18. Januar 2013; Blue Note Records)

By Andreas Hilgart — Januar 20, 2013

Wer geglaubt hat, die großen Zeiten des Doo Wop wären mit den frühen 1960er Jahre vorbei gewesen, der irrt. Aaron Neville hat  mit „My True Story“ nun ein reines Doo Wop Album aufgenommen und Aaron Neville hat dabei so viel Spaß dabei, dass dieser Spaß und diese Begeisterung sich auch auf den Hörer überträgt, was dieses Album bereits jetzt zu einem zeitlosen Klassiker machen könnte. Der Sänger mit der Ausnahmestimme erklärt: „Diese Songs liegen mir nicht nur am Herzen, sondern haben mir in all den Jahren förmlich in den Knochen gesteckt.“ Auf „My True Story“, das von dem Blue-Note-Präsidenten Don Was und keinem Geringeren als Keith Richards produziert wurde, hat Neville jene Songs gesammelt, mit denen er aufgewachsen ist.

Die Songauswahl besteht vor allem aus all den bekannten Evergreens, die man mit dem Genre in Verbindung bringt. Angefangen von Little Anthony and the Imperials („Tears On My Pillow“), über Hank Ballard and the Midnighters („Work With Me Annie“) bis hin zu den Drifters („Money Honey“, „Under The Boardwalk“). Somit ist „My True Story“ auch ein Best of-Album des Doo Wop, bei dem man beim Hören viele der Songs automatisch mitsingt oder zumindest mitwippt, vielleicht sogar zur Musik durch das Zimmer tanzt.

Cover My True Story aaron Neville„Ich habe sozusagen Doo-wop-ologie studiert“, so Aaaron Neville. „Alles was ich in Angriff nehme, ist im Kern Doo Wop. Das ist einfach ein Teil von mir – und das hat mit meiner Art zu singen zu tun, mit den Phrasierungen, den Harmonien und den Endungen. Manchmal wache ich um drei Uhr nachts auf und habe einen Doo-Wop-Song im Kopf. Ich kann kaum mehr einschlafen, weil ich ihn immer wieder vor mich hinsinge.“

Aaron Neville ist mit seiner Falsett-Stimme natürlich prädestiniert, bei diesen dem Doo Wop typischen mehrstimmigen Gesangsarrangements die Leadstimme zu übernehmen. Dabei repliziert Neville aber nicht einfach die Originalsongs. Zum Beispiel stammen einige Titel wie „Be My Baby“ von den Ronettes oder „Gypsy Woman“ von den Impressions gar nicht aus der klassischen Doo-Wop-Ära, sondern sind erst einige Zeit später erschienen. Aber Aaron Neville interessieren keine Einordnungen in Genres oder Chronologien, für ihn bleibt das Entscheidende der Gesangsansatz.

„Doo Wop begann mit fünf Typen wie den Clovers oder aber fünf Mädel wie den Chantels oder den Shirelles, die gemeinsam auf einer Bank sitzend oder einer Treppe stehend ganz harmonisch sangen.“ Aaron Neville erzählt weiter: „Mein eigener Lieblingsplatz war die Jungentoilette in der Schule, weil sie einfach die beste Akustik hatte. Für mich war ´Be My Baby´ immer ein Doo-Wop-Song, weil es Leadgesang mit Harmoniegesang verband. Ich bin  in der Doo-Wop-Ära aufgewachsen, und wenn ich etwas gehört habe und es als Doo Wop empfand, dann war das eben so. Und wenn es nicht in diese Kategorie fällt, dann tut es das spätestens jetzt!“

Anders als beim klassischen Doo Wop liegt auf diesem Album der Schwerpunkt aber nicht auf dem Gesang, sondern Neville wird hier von einer top besetzten Rock´n´Roll-Band unterstützt, angeführt von Keith Richards an der Gitarre. Als weitere Musiker sind hier anzuführen: Greg Leisz (Beck, Sheryl Crow) an der Gitarre, der Keyboarder Benmont Tench (Gründungsmitglied von Tom Petty and the Heartbreakers), Schlagzeuger George G. Receli (Bob Dylan) und Bassist Tony Sherr (Bill Frisell, Norah Jones).

„Bei Doo-Wop-Songs dreht sich alles um den Gesang“, so Neville, „aber mit diesen großartigen Musikern konnten wir auch die musikalische Seite der Stücke hervorheben – diese Scheibe ist eine prima Kombination und entsprechend zeitgemäß.“ Und mit dieser Aussage hat Neville sicherlich recht. Das sind 12 Evergreens in einem modernen Gewand, ohne aber das Original ganz aus den Augen zu verlieren. Daher klingt dieses Album auch unheimlich vertraut.

Keith Richards meint: „Gelegenheiten wie diese hat man nicht so oft. Ich bin wie Aaron mit diesen Songs aufgewachsen. Es macht ungeheuer viel Spaß, zu so einer Stimme zu spielen und die Band hat sich auch auf Anhieb prima verstanden – ich habe selten einen Haufen so gestandener Musiker erlebt, die sich derart wie eine Horde Kinder aufgeführt haben.“ Neville fügt hinzu, er habe diese Musik so tief verinnerlicht, dass es ihm leicht möglich war, den Musikern das mit den Songs verbundene Gefühl von damals auf besondere Art nahe zu bringen. „Bei Songs wie ´Ting A Ling´ und ´Work With Me, Annie´ musste ich ihnen den Groove quasi vortanzen“, erklärt er mit einem breiten Lachen. „Ich musste mich ständig bewegen und herumhüpfen und ihnen zeigen, wie man damals durch New Orleans stolziert ist. Die Band hat aber auch alles mitgemacht und ist auf alles gleich angesprungen. Sie haben mir wirklich alles denkbar leicht gemacht.“

Zu den erstklassiken Instrumentalisten gesellen sich nun aber auch einige Sänger aus den „Goldenen Tagen“ des Doo Wop, darunter Eugene Pitt von den Jive Five, der übrigens Co-Autor des Titelsongs des Albums ist, Bobby Jay von den Teenagers und Dickie Harmon von den Del-Vikings.

Anders als Nevilles Vorgängeralbum „I Know I´ve Been Changed“ aus dem Jahr 2010, für das Neville in die Louisiana Music Hall Of Fame aufgenommen wurde, wirkt „My True Story“ unbeschwerter. Dies hängt natürlich auch mit Aaron Nevilles neuer Lebenssituation, verbunden mit seinem Umzug nach New York, nachdem der Hurrikan Katrina sein Haus in New Orleans zerstört hatte, und seiner kürzlichen Heirat, zusammen. „Ich führe ein neues Leben und singe hier zu meiner Frau Sarah. Ich glaube, Gott weiß, dass ich so etwas immer machen wollte und hat nur den richtigen Moment abgewartet. Er hat die Sterne neu justiert und nun gesagt, ´Aaron, es ist an der Zeit, Dich an Doo Wop zu versuchen´.“

„My True Story“ ist nach dem Gospelalbum „I Know I´ve Been Changed“ ein weiteres Meisterwerk Nevilles und ein Album, das man immer wieder hören kann und das so zeitlos ist wie ein Evergreen. Einfach das Album in den Player legen und genießen! Kaufempfehlung!

Trackliste: 1. Money Honey, 2. My True Story, 3. Ruby Baby, 4. Gypsy Woman, 5. Ting A Ling, 6. Be My Baby, 7. Little Bitty Pretty One, 8. Tears On My Pillow, 9. Under The Boardwalk, 10. Work With Me Annie, 11. This Magic Moment/True Love (Medley), 12. Goodnight My Love (Pleasant Dreams)

Andreas Hilgart

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