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Walldorf Weekender 02.06.2017-05.06.2017 bzw. 04.06.2017

By Andrea Weber — Juni 05, 2017

Das Programm des Weekenders, der dieses Jahr sein 10-jähriges Jubiläum feierte, versprach viel. Da konnte man die lange Anfahrt aus der Schweiz, erschwert durch den Stau (20-30 km/Std.) zwischen Stuttgart und Pforzheim, in Kauf nehmen. Dummkopf, der ich bin, habe ich dann auch noch das falsche Hotel gebucht(es gibt zwei mit demselben Namen um die Astoria-Halle ‚rum) . Was mich bei der Ankunft verwirrte und in Ängste versetzte, doch die nette Rezeptionistin schien das gewohnt und wir hatten innert 10 Minuten eine Umbuchung ins Hotel Leonardo, von wo aus ein Shuttle zur Event- Halle geht. An dieser Stelle einen herzlichen Dank an das Personal des Hotels. Dieses musste nicht nur mit verwirrten Gästen wie mir umgehen, sondern anscheinend auch mit solchen, die im Freien öffentlich Wasser liessen (deshalb wurden die Sitzgruppen vor dem Eingang entfernt).

Am Freitagabend, der Pre-Party, eröffneten Cherry Casino & his Gamblers (D). Wir haben die Band schon oft gesehen. Sie sind grossartig, allerdings weniger Rockabilly, als Rock’n’Roll und Swing. Saxophon inklusive. Es handelt sich um die Gruppe, welche Jack Baymoore jedes Jahr am Elvis-Anlass in Berlin begleitet. Wir verzichteten auf das Ensemble. Auch Miss Lily Moe (CH), die um 22.00 Uhr auftrat, liessen wir aus. Sie hielt sich übrigens an denselben Stil, wie ein kurzes ‚Reinhören ergab. Zwischen den Gruppen unterhielten DJ’s die Menge. Auch diesen gilt ein grosses Dankeschön, denn sie legten durchaus gute Songs auf., eine gute Mischung aus bekannten Titeln (Bill Haley, Crazy Cavan, etc.) und noch nie gehörten. Um 23.00 Uhr betrat Big Joe Louis aus England die Bühne. Der geniale Blues, den er brachte, kam beim Publikum gut an. Er schien den Chicago Blues und dessen Interpreten genauestens studiert zu haben und setzte ihre Songs gekonnt um – vor allem, was den Rhythmus und den Gesang anbelangte. Der Schlagzeuger war übrigens ein Genie. Ich mochte es, ihn zu beobachten, denn er hatte eine ganz eigene Art, mit seinem gewählten Instrument umzugehen. Den Gitarristen empfand ich als das schwächste Glied und wie zur Bestätigung, stieg denn auch die Gitarre zwischendrin aus. Manchmal kam der Junge schlichtweg aus dem Rhythmus. Dass die Band diesen trotzdem nicht verlor, ist wohl dem Mann am Drum zu verdanken. Neben Blues war Big Joe der Erste, der SKA machte und sogar ein wenig Rhumba einbaute. Der gute Musiker und Sänger verdiente den Applaus des Publikums zweifellos, als er nach einer Zugabe seine Show beendete.

Alle Damen, jung und alt, freuten sich auf Jack Baymoore (Kent Vikmo), der um 1 Uhr morgens für die Elvis-Show gebucht war. Bereits vorher bewegte er sich im Publikum, sass aber meistens abseits und befasste sich mit seinem Handy. Seine Gruppe liess er zu Hause. Stattdessen trat er mit Cherry Casino auf. Der heimliche Liebling des weiblichen Geschlechts, der sich seines Aussehens bewusst ist, legte eine Show hin, die ich mit seelenlos betiteln möchte. Es fehlte der Enthusiasmus, der Ehrgeiz, das Temperament. Ich war masslos enttäuscht. Auch wenn ich keineswegs ein Elvis-Fan bin, hätte ich ihm einen guten Auftritt gewünscht, hat er mich doch vor ein paar Jahren mit Blues in Vegas völlig von den Socken gerissen. Schade, doch irgendwie….na ja. Wenn man sich auf etwas extrem freut, geht’s ja meist in die Hosen, nicht wahr? Zumindest ist für mich gutes Aussehen nicht ein Freipass, um automatisch gut zu sein. Heisst: Auch ein Sonnyboy muss sich beweisen.

Am Samstag fanden wir uns zu spät zur Pool-Party, die im Hotel stattfindet, ein. Also kriegten wir keinen Sitzplatz. Die Band, die sich einspielte, schien aber auch gerade keinen Lust auf ein Konzert zu haben, d.h. sie traten anscheinend viel später auf. Somit ging’s 2 x zum Flohmarkt vor dem Hotel, wo durchaus gute Second Hand Ware zu z.T. moderaten Preisen (man muss sich erkundigen. Viele Kleider sind nicht angeschrieben) angeboten wird. Nicht nur Kleidung findet hier neue Besitzer, auch Küchenware, Radios, etc. aus den Fifties . Selbst die Hotelhalle beherbergte Stände, die schöne Ware anboten.. Schliesslich nahmen wir das Shuttle zur Astoria-Halle. Dort ging’s zu den vielen Verkaufständen in einer Parallelhalle zur Astoria. Verschiedene Verkäufer boten CD’s, T-Shirts, Jeans, Hosen, ja sogar Moonshiner oder Bilder an. Die Preise bewegten sich im Mittelfeld, was viele Besucher keineswegs abschreckte.

In der Astoriahalle sollte um 17.00 Uhr Si Cranston aus England den Abend eröffnen. Wir hatten Si schon in Vegas bewundern können. Da war er Spitze. Stellt auch Ciccero vor, allerdings mit NOCH stärkerer Stimme. Oder guckt seinen Video hier: https://www.youtube.com/watch?v=P1M9S2lUpE8

Der kleine, zarte Junge, der so extrem beweglich ist, hatte das Publikum vom Anfang an in der Tasche. Denn, das muss man der Szene lassen: Ist wer SO gut, kommt’s auf den Stil nicht an. Si Cranston hat nichts mit Rockabilly zu tun. Vielmehr ist er swingend, bringt auch mal SKA oder Rock’n’Roll – neben bekannten Nummern wie „Reet Petite“, „Wonderful World“, etc. Und er ist auch Songwriter, stellte er doch an der Show den Titel „Vegas Baby“ vor, den er nach seinem Vegas-Auftritt komponierte. Die Schlussnummern (Zugaben) machten „Twistin‘ the NIght Away“ und „Let’s Twist Again“. Diese hätte Si allerdings nicht gebraucht, um das Publikum zu überzeugen. Genial. Echt.

Nach 3 DJ’s betraten die Tin Cans aus Deutschland die Bühne. Wir haben sie in der Roxy Bar erstmals gesehen und waren begeistert. Hernach traten sie im Connyland (Schweiz) auf, wo sie enttäuschten, was aber dem Sound zu verdanken war und nicht etwa an der Gruppe lag. Denn am Samstagabend gaben sie wieder alles und es lohnte sich. Ab und an setzten sie sogar die Steel-Gitarre ein, wofür sie einen Gastmusiker benötigten. Ihre Show war atemberaubend und sie waren am Ende so erschöpft, dass sie nur durch das begeisterte Publikum zur Zugabe überredet werden konnten.

Die Lustre Kings mit dem erstklassigen Gitarristen Mark Gamsjager aus den USA kamen als nächstes an die Reihe. Auch auf sie freute ich mich, konnte ich sie doch ein paar Jahre lang in Vegas auftreten sehen. Mir gefällt der Fingerpicking-Stil von Mark und die Auswahl seiner Songs, die auch mal Balladen sein können oder gar Surf. Am Anfang war das Publikum spärlich. Doch wie in Vegas schaffte es Mark, auf sich aufmerksam zu machen und zeigte sich unbeeindruckt von den wenigen Leuten am Anfang. Ich war froh, dass er zeigen konnte, was in ihm steckt, ist er doch auch ein guter Bandleader und ein sympathischer Mann (seine Grosseltern waren übrigens Österreicher, wie der Ansager erzählte). Das Einzige, was ich mühsam fand war, dass er viel erzählte. Das musste er nicht. Seine Musik spricht für sich.

Auf die Lustre Kings folgten die Foggy Mountain Rockers aus Deutschland. Ich habe den Teddy Boy Sound, der aus England stammt, bereits als Teenager lieben gelernt. So bin ich etwas voreingenommen, was diesen Stil anbelangt. Die Foggy Mountain Rockers treten seit 25 Jahren zusammen auf. Trotzdem konnte ich mit den Rockers nicht warm werden. Der Sound war – dumpf. Die Jungs hetzten durch das Set, der Schlagzeuger setzte die Becken vehement ein, was ich nun mal gar nicht mag und der Sound war zu laut. Der Gesang konnte mich ebenfalls nicht überzeugen.

Den Abschluss machten die Go Getters. D.h. nur deren Leader, Peter Sandberg. Zuvor war er überall im Publikum präsent, hat sich alles angesehen und anscheinend Spass gehabt. Peter ist ein ausgezeichneter Schlagzeuger mit einem angeborenen Gefühl für Rhythmus. Auch Stimmmässig kann man ihm gar nichts. Nur – die Begleitung versagte. Keine Ahnung, ob man sich nicht gut genug kannte…für mich sah es so aus, als wäre der Gitarrist der Meinung, er sei der Mittelpunkt, weshalb sein Instrument in den Vordergrund rückte. Der Bassist hielt sich eher zurück, doch Harmonie sieht anders aus. So verliessen wir das Set frühzeitig. Es war ja auch schon 1 Uhr morgens….. Zur Erinnerung: Mit eigener Band ist Peter Sandberg unschlagbar.
Am Sonntag wurden in der Astoria Halle lange Tanzstunden für Interessierte angeboten. Der eine oder andere ging hin. Wir bevorzugten den Garten, wo u.a. die Honky Tonk Pounders, ebenfalls aus Deutschland, auftraten. Schon ihr Repertoire gefiel mir, eine gelungene Mischung aus Rockabilly und – eben – ein bisschen Honky Tonk. Gute Stimmung kam auf – nicht nur beim Publikum, sondern auch bei der Band, die mit Recht Freude an ihrem Publikum hatte, da es sich begeistert zeigte. Auch dieses Ensemble existiert bereits seit 20 Jahren.
Hernach ging’s langsam in die Halle, wo Jenny & The Lovers aus Berlin ihren Auftritt absolvierten. Ihr Gesang war kaum zu hören, deshalb kam sie bei mir auch nicht an. Zudem waren verschiedene Stücke ziemlich schräg – viele davon im SKA-Stil gehalten. Da wir unseren Sitzplatz nicht verlieren wollten, hielten wir durch – sehr ungern, im Gegensatz zum Publikum, das begeistert klatschte, als der Auftritt beendet war. Um 21.30 Uhr betraten Backdraft aus Siegen (Deutschland/Holland) die Bühne. Auch sie haben sich dem Teddy Boy Sound verschrieben. Doch durch die Foggy Mountain Rockers abgeschreckt, war ich mit meiner Begeisterung nun – zurückhaltend. Doch nicht lange. Eigentlich gar nicht, denn die Jungs eröffneten ihr Set mit einer mehrstimmigen Nummer. Wenn die so gut wie die gewählte klingt, hat man mich in der Tasche. War auch so. Meine Begeisterung liess nicht mehr nach, denn DAS war tatsächlich Teddy Boy Rock’n’Roll, auch wenn das Ensemble zwischendurch durchwegs mal eine Country-Nummer anstimmte. Ich würde sagen, diese Gruppe liess ich persönlich nur sehr ungern von der Bühne, so überzeugend waren sie.
Ablösung folget durch die italienischen Poisonlvies and the Steady. Eigentlich sollte der Name schon eine Warnung sein, doch denkste. Normalerweise gefallen mir italienische Bands. Doch diese 2 Mädchen, in den glänzenden goldfarbene Kleidchen waren mir ein Graus. Nicht nur, dass ihr Set hauptsächlich aus SKA bestand, von Harmonien haben die beiden noch nie was gehört, versuchten sich aber darin. Für mich wirkten sie unreif, unausgegoren, einfach nur schräg. Zum Tanzen war ihre Musik anscheinend, denn das Publikum tat seiner Begeisterung keinen Abbruch und liess ‚die Sau ‚raus‘.

Um 0.30 Uhr betrat Mack Stevens, der Texaner, die Bühne. Auch er sah sich übrigens alles ganz genau an und war ständig mit seiner Angetrauten irgendwo zu finden. Nun. Auf Mack Stevens habe ich mich in Vegas gefreut. Und wurde dort herb enttäuscht. Ich mag weder männliche, noch weibliche Stimmen, die den Ton nicht halten können/wollen. Und Mac Stevens findet sich selber so gut, dass er keine Zweifel an irgendwas zu haben scheint, was er macht. Schade. Die Songs, die er wählt, sind gut. Und er hat auch Humor, dieser Mann. Doch damit hat sich’s. Schade, dass unser Weekender gerade mit diesem Mann ausklang. Viel lieber hätte ich Shaun Young, den ehemaligen Sänger von High Noon gesehen. Dieser tritt heute, am Montagabend, auf. Und aufgerechnet auf einen jungen Mann, den ich als einzigartigen Sänger in Erinnerung habe, muss ich verzichten. Das ist ärgerlich. Was ich ihm wünsche, sind viele Begeisterte, die im Gegensatz zu uns (wir müssen morgen arbeiten, Andy) ausharren und dadurch einen Klasse Sänger erleben dürfen.

Und da sind wir schon bei der Kritik, die ja Folgen muss. Im Gegensatz zu jenen, die ich hörte und die nicht enden wollten, halte ich mich kurz. Vielmehr gilt mein Appell genau jenen: Veranstaltet mal so etwas. Dann kriegt t ihr auf die harte Tour mit, dass man es nicht allen recht machen kann und halt schon das Eine oder Andere in die Hosen geht.

Also. Ich hab‘ nur Weniges: Die Shuttlezeiten sollten auch bei der Halle angeschlagen sein. Die Auftrittszeiten der Bands gehören ins Programm. Die verschiedenen Auftrittsorte bei der Halle müssten beschildert sein (Seebühne?). Und die Pausen sollten kürzer sein. Das ist alles. Ansonsten machen Andy Widder und seine Helfer einen ausgezeichneten Job. Alle sind höflich, setzen sich ein, tun, was möglich ist. Also: Dankeschön, Leute – für einen ausgezeichneten Weekender. Mit wechselhaftem Wetter und wechselhaften Künstlern.

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