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Trash Town Rockabilly Day, Samstag, 19.11.2016, Nordportal Baden, Schweiz

By Andrea Weber — November 22, 2016

trashNun ja. Die Anfahrt war diesmal kurz. Oder sagen wir: Sie wäre kurz gewesen. Der Routenplaner führte uns einmal mehr in die Irre, Wegweiser zum Festival waren – natürlich – keine vorhanden und den Hot Rod, dem wir unterwegs kurz folgten, hatten wir nach Spreitenbach hinter uns gelassen. So fuhren wir in der Stadt Baden hin und her, bis wir das Parkhaus zum Nordportal ausmachten und unsere ‚zeitgenössische‘ Karre dort abstellten. Zu Fuss ging’s anschliessend über die Strasse, wo’s gratis Parkplätze gab (ja…hätte man das gewusst)….

Kurz nach 20 Uhr waren wir vor Ort. Der Eintritt betrug bescheidene CHF 25.00 heisst: In der Schweiz kein hoher Preis für ein Konzert. Ausserhalb der Anlage grüssten uns ein paar Oldtimer und Hot Rods, ihre Fahrer schienen sich zu kennen. Im Vorzelt warteten wir etwas, sprachen kurz mit Bekannten und entschlossen uns dann, den Raum zu betreten.
Das Nordportal fasst 900 Stehplätze und ist 285 m2 gross. Zum Zeitpunkt unseres Eintreffens waren noch nicht viele Leute vor Ort. Später war die Halle gut gefüllt – glücklicherweise, denn an diesem Wochenende fanden alleine in der CH verschiedene Anlässe statt. Nach Gesprächen mit einstigen Freunden stellte sich heraus, dass die einen die Bands bereits kannten, während andere wie wir die Gruppen noch nie live erlebten. In der Halle entschied ich mich für die Galerie, mein Begleiter für die Bar. Also in die Höhe mit den alten Weibern, einen Sitzplatz gesucht und glücklich darüber sein, eine ausgezeichneten Blick auf die Bühne zu haben. Den Abend eröffnete ein DJ, dessen Musikgeschmack ich nicht teilte. Dafür alle, die gerne tanzen, umso mehr.
Es war ca. 21 Uhr, als die erste Band, Sandy & The Wild Wombats aus Deutschland, die Bühne betrat. Sandy scheint ein Wanda Jackson Fan zu sein. Für mich war sie am Anfang jeweils sehr gut, ihre Stimme wurde aber in Laufe der Songs schwächer. Auch mochte ich die Stratocaster des Gitarristen nicht. Für mich besitzt diese, im Gegensatz zu einer akustischen oder wenigstens halbakustischen Gitarre, einen zu harten Klang, auch wird die Strat gerne zu laut eingestellt. Der Bassist war indes sehr gut. Ich mochte die Art, wie er spielte. Er wirkte völlig entspannt. Der Schlagzeuger versorgte die Band mit einem guten Rhythmus, doch auch sein Instrument war für mich zu laut, zumal er sich zu oft an den Becken zu schaffen machte. Schade, handelte es sich doch um ein Gretsch Drum, das NICHT laut gespielt werden muss, sondern einfach nur gut. Die Gruppe brachte unterschiedliche Stücke. Dadurch, dass nur das Mädchen sang, kam Langeweile auf. Dessen ungeachtet mochte das Publikum die Wild Wombats. Mit Tanzen und Applaus bedankte es sich. Kein Wunder, dass die Gruppe um eine Zugabe gebeten wurde..

In der Umbaupause half Rémy, Bassist der Spunyboys, dem Bass-Spieler der Schweden beim Einstellen des Kontrabasses. Schon da musste ich seine Tolle bewundern, der er sicher Stunden widmet und die ganz im Stil der englischen Teddy Boys gehalten ist. Die schönste Tolle, die ich je sah, by the way. Nach dem Soundcheck betraten die kompletten Hub Caps die Bühne. Der Sänger erinnerte stark an Buddy Holly und das Repertoire hielt sich an jenen…zumindest, was den Gesang anbelangte. Die Schweden boten Harmonien, die beim Publikum ankamen. Bei Buddy Holly hatte ich übrigens immer das Gefühl, dass er ein feines Gespür für Gesang besass. Er wusste genau, wie und wo er beim Refrain Harmonien einsetzen konnte. Die Hub Caps machten sich jenes Talent zu Nutze und brachten ihr Repertoire ganz im Stil Buddy’s…mal abgesehen davon, dass keine Stratocaster die Hauptrolle spielte, sondern eine halbakustische Gretsch, ein wunderschönes Instrument, vom Sänger gelungen eingesetzt. Kann sogar sein, dass es sich um die Eddie Cochran Edition handelte. Das konnte ich aber nicht herausfinden, denn meine Sehstärke gleicht derjenigen eines Maulwurfs und ich bin nach wie vor zu eitel für eine Brille. Hervorgetan hat sich in meinen Augen auch der Schlagzeuger, der an seinem Instrument brillierte und sich nicht zu schön war, mal zu den Brushes (Pinseln) zu greifen. Am Ende durften auch die Hub Caps eine Zugabe geben, was vom Publikum begeistert honoriert wurde.

Um Mitternacht betraten dann meine Favoriten, die Spunyboys aus Frankreich, endlich die Bühne. Ich habe sie auf You Tube vor einiger Zeit zufällig entdeckt. Damals blieb mir schlichtweg die Spucke weg, als ich Eddie Cochran’s „Teenage Heaven“ von Rémy gesungen und bei einem Live-Auftritt aufgezeichnet, zuhörte. Die Spunyboys bestehen aus 3 Jungs, bzw. Schlagzeug, Stratocaster (oh, nein!) und Kontrabass. Das ganze Schlagzeug wurde in der Pause ersetzt und ich fragte mich, wozu die Riesenpauke wohl diene. Auch als die Boys das Instrument Richtung Bühne schoben, machte sich ein mulmiges Gefühl breit. Umsonst. Von Anfang an hatte Rémy, das Publikum in der Tasche. „Smile and the World smiles with you“ sang Jack Scott einmal. Rémy hat den Trick adoptiert und grinste während seines ganzen Auftrittes ins Publikum. Auch suchte er den Blickkontakt, so dass jeder im Saal das Gefühl hatte, etwas Besonderes zu sein. Sowas schafft sonst nur Dolly Parton. Und von der hat Rémy herzlich wenig. Glücklicherweise. Aber den Charme, den hat er intus. Und er ist mehr als beweglich – mit und ohne Kontrabass. Während das Repertoire durch Nummern von Carl Perkins (The King – nannt ihn Rémy), Eddie Cochran, Little Richard, Johnny Horton, Hank Williams, Ray Campi aber auch Crazy Cavan (UK) führte, war ich ob des Country Musik Einschlag, den ich von den Spunyboys überhaupt nicht erwartet hatte, entzückt. Und ob dem Stimm-Umfang, den Rémy zu offerieren hat. Unglaublich, wie er hohe Töne zustande bringt und deshalb auch mal wie ein Gospel-Sänger klingt. Dann kann der Jüngling mit dem Bass schlichtweg alles anstellen. Er trägt ihn wie eine Gitarre, liegt auf ihm, legt das Instrument Gitarrist Eddie auf den Rücken, hebt den Bass gerade in die Höhe und spielt immer weiter. All das wirkt federleicht. Charmeur, der er ist, holte er in der Mitte des Auftritts einen kleinen Jungen auf die Bühne, den er seinen Kontrabass zupfen liess. Was ihm noch ein paar Extrapunkte beim Publikum (und beim Kleinen natürlich) eintrug. Schliesslich wagte sich der Bassist ins Publikum und trug sein Instrument auf die Galerie, wo er das Ding über das Geländer hob, um es wie ein Uhrenpendel über den Köpfen der Zuschauer hin und her zu schwingen. Einfach genial, der Kleine. Wobei der Gitarrist der Spunyboys auch nicht ohne ist….

Er zeigte sich äusserst spielfreudig, ergänze Rémy und Schlagzeuger Guillaume perfekt und zupfte auch mal ein Soli. Das Einzige, was ich kritisieren kann, ist auf sehr hohem Niveau: Ich mochte die lasziven Einlagen, die die Boys ab und an boten, überhaupt nicht. Für mich sind sie Knaben und im jugendlichen Alter noch ferne davon, sexy zu sein…doch vielleicht war’s ja auch Selbstironie oder Übermut, hat Rémy doch einen Tag zuvor seinen 29. Geburtstag gefeiert. Schliesslich kam’s, wie’s kommen musste: Das Ende nahte. Und Rémy, allemal für eine Überraschung gut, da sehr kreativ in allem, was er macht, lud das Publikum auf die Bühne ein. Und das folgte der Aufforderung nach einigem Zögern. Schliesslich wurden Fotos mit den Spunies gemacht, die deutsche und die schwedische Band rief Rémy auf die Bühne, um eine Weile in den Hintergrund zu treten, während sich seine Vorgänger am letzten Stück beteiligten. Klar, verlangte das Publikum Zugaben. Eine davon machte „Teenage Heaven“. Und auch wenn der für mich nicht (mehr) gilt, bin ich spätestens zu diesem Zeitpunkt in meinem eigenen Himmel angekommen……

So fand ein langer Abend morgens um ca. 3 Uhr ein erfreuliches, einmaliges Ende. Ich hoffe, wir müssen nicht bis Vegas warten, um die Spunyboys wieder zu sehen….

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