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Las Vegas

By eyertt — Januar 01, 2013

Reisebericht Andrea Weber

Las Vegas, Sonntag, 24. April 2011

Heute verhalten wir uns dem Alter entsprechenden. D.h. wir stehen um 08.00 Uhr auf, duschen, nehmen das Frühstück ein und sind um 11.00 Uhr zurück auf unserem Zimmer. Um 13.00 Uhr geht’s weiter. Mit dem Midnight Trio.

Endlich. War mein erster Gedanke. Endlich die Musik, die ich am VLV erwarte. Straffer, rhythmische Rockabilly im Stil der 50er Jahre. Vorgetragen in Anzügen jener Zeit. Beim Trio stimmte alles: Der Gesang und die Begleitung waren klasse. Schade, dass sich das Publikum ob der frühen Stunde nur spärlich einfand.
Beim Midnight Trio bedauerten wir die kurze Auftrittszeit. Schade, bleibt jeder Band nur ungefähr eine Stunde.

Weiter ging’s mit Karling Abbeygate, einer Lady. Ich hatte sie noch kurz zuvor im Hotelzimmer abgecheckt (wie die meisten anderen Bands – ich bin Überraschungen mittlerweile leid). Im Internet klang sie wie ein kleines Mädchen. Das mag ich nicht. So verließen wir den Saal und gönnten uns eine Pause. Allerdings kehrten wir etwas früher zurück. Und kriegten gerade noch mit, dass Karling wohl eine grosse Fange-meinde hat. Und ich muss sagen, das letzte Stück mit hinreissendem Sax, das wir noch knapp mitkriegten, war gar nicht schlecht, ja sogar gut. Dabei zeigte sich das temperamentvolle Mädchen im Miniröckchen ziemlich selbstbewusst, doch absolut kompetent auf der Bühne. Nach Konzertschluss gab die Lady  Autogramme, machte endlos Fotos mit Fans und genoss den Rummel um ihre Person sichtlich.

Nach Karin nahmen Slip & The Slipouts die Bühne ein. Ich war gespannt. Der Sänger hatte am Vortag Flyers verteilt. Ich mochte ihn nicht. Er sah aus, wie einer dieser ‘Urgestalten’ der UK, die mir einst als Vorbild dienten: Zu gut, um treu zu sein. Kurz: Die Einbildung Slip‘s kommt nicht von ungefähr. Dem Äusseren entsprechend erwartete ich Dummerchen dann auch den Sound, den er versprach: Diesen typischen, englischen, satten, unheimlich rhythmischen Rockabilly, den ich für immer allem anderen vorziehen werde. Denkste!!!! Die Gitarre war blau. Wie das Jacket. Und sie röhrte. Im Link Wray Stil. Oder noch schlimmer. Was der Typ da von sich gab, war bei den ersten paar Gitarrenklängen eh nicht auszumachen. So warteten wir noch kurz den Gesang ab, der aber ob dem Gedröhne eh keine Chance hatte und verließen den Saal. Ich weiss echt nicht, was der Kerl studiert. Aber definitiv nicht viel. Ich denke, alle die ausharrten, haben sich zudem einen gewaltigen Gehörschaden zugezogen.
So aus unserem ‘Stammsaal’ verbannt, gönnten wir uns einen kleinen Imbiss. Na ja. Klein ist gut. Eine Pizzascheibe American Style wohl eher. So gestärkt, wenn auch immer noch auf 180, wagten wir uns an die nächste Band. Eigentlich war ich ja wütend auf mich selbst. Wie konnte ich mich so irren! Das nächste Ensemble nannte sich Roy Rapid & The Rhythm Rockers. In der Vergangenheit hab ich’s oft erlebt, dass ich mich ob der Jugend vieler Musiker täuschte. So war ich vorsichtig, als im Brendians, dem Irish Pub, wo sie auftraten, Jungs auftauchten, die sich wohl noch nicht rasieren müssen. Zudem wollte ich mich ehrlich gesagt nicht schon wieder ärgern. Als wir eintraten, war das Pub gut besucht, alle Sitzplätze besetzt, ergo verzogen wir uns an die Bar. Roy Rapid war wohl die Band, die dem Hillbilly, dem ich mich verschrieben habe, wohl am nächsten kam. So gab denn das Quartett etwa “It Wasn’t God Who Made Honky Tonk Angels” zum besten. Fast authentisch. Und unglaublich schön. Am Anfang versprach die Band aber wenig. Den Sänger konnte man schlichtweg nicht hören. Doch der Mann am Mischpult behob den Schaden unglaublich schnell. (Ich wünsche mir auch solche Mixer an den Festivals!). Und siehe da! Ein Wunder! Das Kerlchen konnte singen. Leider überschnitt sich der Auftritt der Rockabillies mit der Show der Delta Bombers im ersten Stock. Und die wollte ich sehen, denn die klangen im Web unglaublich stark. Also sich selbst überwunden (ich sterbe, wenn ich einen Saal vor dem Ende der Show verlassen muss und empfinde es auch der Band gegenüber extrem ungerecht. Und hier musste ich so ein Signal setzen, das definitiv falsch war). Das Losrennen fiel mir ein bisschen leichter, als der Junge gerade eine Schnulze anstimmte, die ihresgleichen suchte….

Tja. Und als wir im oberen Saal ankamen, der bereits gut gefüllt war, begannen die Delta Bombers gerade mit dem ersten Stück. Timing ist Glückssache…. Der Anführer der Delta Bombers, ein kleiner Junge mit Übergewicht und Gamsbart, zeigte sich von Anfang an voller Humor. Mit bissiger Stimme brachte er Rockabilly, der sich irgendwo zwischen Tradition und Moderne (Psychobilly) verliert. Der Rhythmus war extrem stark, die Stimme kratzbürstig, die Laune des Publikums von der ersten Note an gut. Die Truppe war ordinär, dreckig und besaß einen unglaublichen Beat. Originell fand ich das Instrumental-Stück, das offensichtlich einem Federvieh in irgend einem amerikanischen Hühnerhof gewidmet war. Oder etwa gar den Chicks vor der Bühne? Sei’s dahingestellt. Bei den Delta Bombers musste der sympathische DJ Del Villareal gar nicht erst das Publikum nach der Zugabe fragen. Der Chor wollte ihn, bevor Del irgendwas dahingehend sagen konnte. Einer der besten Band des Festivals ob ihrer Kreativität (keiner hatte einen solchen Sound), ihrer Jugend, ihrem Stil. Hut ab. Und glücklich aus dem Saal.

Als nächstes war der Austiner Chadd Thomas dran. Im grossen Ballsaal, mit Kronleuchtern. An und für sich schon ein Fehler. Denn Honky Tonker (als den stellte man ihn zumindest vor) gehören in kleine Räume. Auf Barstühle. Nein, das ist für einmal nicht zynisch gemeint. Ich denke immer, dass ein grosser Musiker sich nur im Kleinen beweisen kann. Gebt Billy Joe Shaver einen kleinen Saal. Und er wird über sich hinauswachsen. Garth Brooks kann nicht ab ohne Lichtshow. Komisch, nicht wahr? Also. Chadd war dran. Ebenfalls ein kleiner, etwas breiter gebauter Junge, der die typisch texanische Überheblichkeit an den Tag legte (sorry, so sehr ich die Texaner mag – sie werden meiner Meinung nach schon eingebildet geboren). Auch Chadd hatte seine Fans mitgebracht. Die ihm durchs Set hindurch die Treue hielten. Ich weniger. Ne. Ich gar nicht. Von Anfang an empfand ich ihn langweilig. Von Honky Tonk spürte ich nichts. Der Kleine hielt sich an Rockabilly. Wohl dem Festival entsprechend. Chadd Thomas kennt nur eine Tonlage und die fehlenden  Harmonien machten den Auftritt auch nicht interessanter (anscheinend wieder eine Band, bei der nur einer zu Singen bereit ist). Den Kontrabass konnte ich erst gegen Ende hören, die Elvis-Einlagen (The Pelvis) waren unnötig und wohl auf die weiblichen Zuschauer ausgerichtet. Wenn Chadd singt, ist sein Atmen hörbar. Viele Sänger finden das heutzutage cool. Ich nicht. Die restlichen Bandmusiker wirkten zudem absolut gelangweilt. Das machte aus Chadd’s Gymnastik-Übungen etwas Lächerliches.

Unsere letzte Interpretin am Rockabilly Festival 2011 machte die rothaarige Kim Lenz. Wir hatten sie schon in Green Bay gesehen. Und ich war damals mehr als enttäuscht. Hört man ihre CD’s, gehört sie unbesehen zu den besten weiblichen Rockabilly-Interpreten. Live ist sie, das hat sie mit vielen anderen Künstlern gemein, eine einzige Enttäuschung.
Kim Lenz punktet mit ihrem Aussehen. Sie ist immer perfekt geschminkt, perfekt frisiert, perfekt gekleidet. Sprich: Sie zeigt sich stilsicher. Hat somit also die männlichen Fans schon mal auf ihrer Seite. Und die Weibsen nehmen sie unbesehen als Vorbild. Unzählige Rothaarige (die Mehrzahl davon falsch) zeigten sich am VLV 14. Doch zurück zu Kim. Als sie endlich begann (einen Soundcheck fand sie anscheinend nicht nötig, deshalb fand der gleich vor versammeltem Publikum statt), war der Saal übervoll. Und nichts stimmte. Weder hörte man ihre Stimme, noch ihre Gitarre. Einmal mehr war der Sound extrem schlecht eingestellt. Keine Ahnung, ob sie die Situation auflockern wollte, doch sie machte Witze, erzählte, machte auf Entertainerin. Zwischendurch sang sie sogar. Oder tat so. Sie ist für mich die Queen des Schluckaufs (Hickups). Und sie ist für mich das perfekte Beispiel in Sachen Noten nicht aushalten. So kam ihr Gesang einer Berg- und Talfahrt auf der Achterbahn gleich. Am Ende unglaublich stark, beinahe Wanda-Jackson-mässig, war sie zwischendurch kaum zu hören. Doch ich bin überzeugt, Kim Lenz findet so was sexy. Genau, wie die Whiskey-Flasche auf der Bühne anzuhängen. Ein absolut überflüssiger Akt. Ich mag so was nicht. Ich mag keine Menschen, die einerseits eine leider längst vergangene Zeit bis zum Perfektionismus hin kopieren und andererseits auf die Emanzipation der heutigen Zeit machen. Das ist inkonsequent. Zugegeben, den Spagat zu machen, schafft praktisch keiner. Wir haben uns ja auch alle an Handies, Internet, Facebook, etc. gewöhnt und ‘arbeiten’ damit. Doch es gibt Grenzen. Hier habe ich Menschen gesehen, die selbst ihre Kinder so verkleiden, als wären wir noch in den 50er Jahren. Sogar der Kinderwagen ist authentisch. Und das Auto natürlich auch. Und ich wette, genauso die Wohnungseinrichtung.
Doch gerade diese Menschen haben zum Beispiel nicht den Anstand (der Knigge war in den 50er Jahren das A und O, Mädels!), anderen den Vortritt zu lassen. Vielmehr nehmen sie sich selbst so wichtig, dass sie ohnehin Vortritt HABEN…..und wenn nicht, nehmen sie ihn sich….

Doch zurück zum VLV.

Dieser Sonntag hat mir das Festival gerettet. Ich habe am Ende doch noch den Eindruck gehabt, dass sich unser Kommen gelohnt hat. Nicht der vielen Schweizer wegen, die wir hier trafen (und die genauso vom Weg abkamen, wie die Deutschen, Holländer, Engländer, etc.). Sondern der Musik wegen. Ich kann hier in 4 Tagen für rund 100 Dollar (okay, mit den CD-Käufen, dem Essen, dem Hotel-Zimmer für eine Woche, den Ausflügen, etc. komme ich für zwei auf mehrere 1’000 Franken) Musik hören, soviel ich will. Und zwar die, die mir immer noch Spass macht. Mit Einschränkungen zwar, aber wo hab’ ich das nicht? Daneben sehe ich Autos, von denen ich nicht mal zu Träumen wage, niedliche Jungs, Marktstände, die alles offerieren, wovon ich träume, kann mich mit Gleichgesinnten austauschen (na ja, mit Amis wohl weniger) und bin in LAS VEGAS!!!!

VIVA LAS VEGAS!!!!

Bleibt nur, auf ein besseres Programm zu hoffen. Evt. Auf VLV 15??????

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