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Eric Church: The Outsiders

By Andreas Hilgart — März 03, 2014

(VÖ: 21. Februar 2014; EMI Records Nashville / Universal Music; auch als Download erhältlich)

Country / Countryrock

Titelliste: 1. The Outsiders, 2. A Man Who Was Gonna Die Young, 3. Cold One, 4. Roller Coaster Ride, 5. Talladega, 6. Broke Record, 7. Like A Wrecking Ball, 8. That´s Damn Rock & Roll, 9. Dark Side, 10. Devil, Devil, 11. Give Me Back My Hometown, 12. The Joint

„Himmel, was ist das denn?“ – so meine erste Reaktion beim ersten Hören des neuen Albums von Eric Church. Bereits beim ersten Song, dem Titeltrack des Albums, flog der Silberling dann auch prompt aus meinem Player. Ne, darüber schreibe ich keine Rezension, never!!!! Auf gar keinen Fall, mach ich nicht! Das Album kommt in die Tonne! Aber wie bei Büchern bekommt auch jede CD bei mir nach so etwa einer Woche eine neue Chance. Da gelang es mir dann sogar, das Album ganz durchzuhören. Aber gefällt mir das? Bin ich musikalisch schon so sehr auf Mainstream eingenordet? Ich legte das Album erst einmal in die Ablage. Die Infos auf dem „Beipackzettel“ des Plattenlabels konnte man im Großen und Ganzen auch in der Pfeife rauchen, also wenig zu gebrauchen. Währenddessen stürmte das Album die Billboard Countrycharts bis an die Spitze und es erschienen eine Reihe von äußerst positiven Rezensionen. Bei einem amerikanischen Online-Magazin wurde es sogar zum Album des Monats deklariert. Gut, jetzt musst du auch mal ran. Im Netz fand ich die persönlichen Eindrücke einer amerikanischen Journalistin und Musikkritikerin zu dem Album, die nur so vor Begeisterung strotzten. Und jetzt im Moment höre ich mir das Album bestimmt bereits zum mindestens fünften Mal an, nicht weil es mich so begeistert, sondern weil ich ganz einfach versuche, es zu verstehen.

Der erste Song und Titelsong des Albums, „The Outsiders“, macht es jetzt nicht unbedingt einfach, in Churchs neuestes Werk einzusteigen. „They´re the in-crowd, we´re the other ones“, so eine Zeile dieses gitarrenlastigen Titels, der sich als eine Mischung aus Waylon Jennings und Metallica – Eric Church hat den musikalischen Stil von „The Outsiders“ selbst so beschrieben – anmutet. Outlaw-Country auf einem anderen Level? Eric Church verwehrt sich selbst gegen die Bezeichnung Outlaw. Also kein Outlaw-Country! Gitarrenlastiger Sound und monumentaler Chorgesang. Es hat den Anschein, als ob Eric Church bei diesem Titel von seiner eigenen Kreativität überrollt wurde, irgendwie vergleichbar mit Brad Paisleys letztem Album. Aber das fand ich dann nach einem halben Jahr, wenn auch zu spät für eine positive Rezension,  ja auch irgendwann genial. Erinnert das Gitarren-Outtro nicht sogar etwas an die großartigen Rockbands der 1970er und vor allem 1980er Jahre? „The Outsiders“ lässt aber letztendlich auch nach mehrmaligem Hören bei mir immer noch Fragen offen. Dagegen ist „A Man Who Was Gonna Die Young“ wesentlich ruhiger und musikalisch auch gefälliger. Eine Southern-Rock-Ballade, die ganz ohne Schlagzeug auskommt.

EricChurchTheOutsidersCover„Cold One“ beginnt zunächst rein akustisch mit der Slide Guitar, bis dann im Refrain der stampfende Rhythmus einsetzt. Ein Kerl fährt mit seinem Mädchen und seinem Bier an einen See. Das Bier ist auf Eis gestellt. Eigentlich könnte er diesen perfekten Tag genießen. Doch dann beschließt sein Girl, die Beziehung – Achtung: Wortspiel – auf Eis zu legen. Ja, der Song zeigt einen gewissen Humor, der ein wenig an Brad Paisley erinnert. So langsam finde ich den Zugang zu dem Album.

Auch „Roller Coaster Ride“ beschäftigt sich mit den Gefühlen des Verlassenwerdens. Es ist wie eine Achterbahnfahrt, nachdem sie ihn verlassen hat. Musikalisch hat man bei dem Singer / Songwriter und Gitarristen aus North Carolina aber immer das Gefühl, dass er Harmonien und Melodiefolgen, die er bis zum Refrain zum Teil mühsam aufgebaut hat, dann einfach wieder zerstören muss.

„Talladega“ ist der erste und letztendlich auch der einzige Song auf dem Album, der mir sofort auf Anhieb gefällt. Vielleicht, weil er doch etwas in den Bereich Nashville-Mainstream fällt. Irgendwie ist es schon komisch mit diesen Hörgewohnheiten.

Rockiger und etwas bluesiger wird es mit dem nachfolgenden Titel „Broke Record“. Hier steht der stampfende Rhythmus im Vordergrund und natürlich: Hip Hop-Referenzen müssen mittlerweile in moderner Countrymusik sein. Bei dem ruhigeren und bluesigen „Like A Wrecking Ball“ legt Eric Church wieder mehr Wert auf Melodie.

Mit „That´s Damn Rock & Roll“  beginnt der düstere,  zweite Abschnitt des Albums. Es ist Churchs persönliche Abrechnung mit der Rock´n Roll Musikindustrie. Musikalisch erinnert das Ganze nach dem Intro wieder etwas an den 1980er Jahre – Rock.

Die beiden nachfolgenden Songs sind als Einheit zu sehen, die durch das recht düstere Gedicht „Princess Of Darkness“ als Überleitung miteinander verbunden sind. Ursprünglich wollte Eric Church hier das Gedicht „The Devil and Billy Markham“ des Songwriters, Komponisten und Autoren  Shel Silverstein (u. a. „The Ballad Of Lucy Jordan“, „A Boy Named Sue“) rezitieren. Dafür gab´s aber nicht die Rechte, also musste ein anderer Text her. Im ersten Teil („Dark Side“)  singt Church von der dunklen Seite, von den dunklen Schatten, die er tief in seinem Gehirn versteckt hält und von denen er hofft, dass sie niemals das Licht der Öffentlichkeit erblicken werden. Der zweite Teil („Devil, Devil“ plus der Überleitung „Princess Of Darkness“) ist mit über 8 Minuten das längste Stück auf dem Album. Die Interpretation des Gedichts „Princess Of Darkness“ erinnert musikalisch stark an das Schweizer und in den 1980er Jahren auch international sehr erfolgreiche Pop-Anvantgarde-Duo Yello. „Devil, Devil“ selbst ist ein düsterer stampfender gitarrenlastiger Song.

Mit „Give Me Back My Hometown“, der zweiten Singleauskopplung, löst Church die Düsternis der vorhergehenden Songs wieder auf. Es ist die etwas nostalgische evtl. auch verklärte Erinnerung an die Erlebnisse als Kind bzw. Jugendlicher an die Heimatstadt. Bei dem abschließenden „The Joint“ experimentiert Church mit seiner Stimme und mit Sounds. Auch hier entsteht bei mir wieder spontan der Vergleich mit den Soundexperimenten des Schweizer Duos Yello.

Ich persönlich habe auch nach mehrmaligem Hören des Albums einen konkreten Zugang zu dem Werk nicht gefunden. „The Outsiders“ ist interessant, experimentell und klingt anders im Vergleich zur Nashville-Mainstream-Chartware. Und was anders klingt, ist ja zunächst mal nicht schlecht, im Gegenteil. Wenn man Eric Church, den Country-Rebell, jetzt nicht unbedingt als Outlaw bezeichnen will, ein Country-Avantgardist ist er sicherlich und vielleicht wird man „The Outsiders“ in einigen Jahren sogar als ein richtungsweisendes Werk der Countrymusik betrachten. Ich persönlich habe im Moment allerdings noch ein wenig Schwierigkeiten, dieses Werk richtig zu verstehen.

Andreas Hilgart

 

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